Herzschlag 19

In dem Moment im Keller in diesem fremden Haus erwachte es in ihm. Es schien immer in ihm gewesen zu sein, immer da, nur schlafend. Groß, dunkel, unglaublich furchteinflößend. Es kreischte fast in ihm. Henry konnte nicht einschätzen, ob es wütend war oder euphorisch, leidenschaftlich und enthusiastisch; er spürte nur seine Kraft. Und die Kraft, die es auf ihn übertrug. Sie waren zu zweit, und weit und breit niemand, der ihr zu Hilfe eilen würde…
Es schien ihn anzufeuern, ihm zusätzliche Stärke zu verleihen, so dass seine Schläge immer härter auf sie nieder prasselten. Je kräftiger er zuschlug, desto mehr schrie Maye auf. Jeden Schrei nahm er als willkommene Aufforderung, ihr noch mehr weh zu tun. Auch als sie schon ein blutunterlaufenes Auge hatte, rote und blaue Striemen an den Oberarmen, eine aufgeplatzte Lippe und Kratzer im Gesicht, ließ Henry noch nicht von ihr ab. Das Monster nährte sich von seinem Ausbruch, von ihrem Blut und ihrem Leid. Der Schmerz, den Maye empfinden musste, schien es weiter erstarken zu lassen. Die Muskeln unter seiner dunklen Haut schwollen an und erzitterten, als ahmte es jeden Schlag Henrys nach, als betreibe es Schattenboxen gegen einen viel zu leichten und vor allem viel zu kleinen Gegner.
Um Henry herum schien es nur noch Farben zu geben – rot, dunkles blau, schwarz, wieder rot. Er war in einem Rausch, konnte weder oben von unten noch links von rechts unterscheiden, sondern sah in seiner Trance nur sein Opfer in einer Art Tunnel vor sich kauern. Maye hatte die Beine schützend angezogen, die Arme um Knie und Oberkörper geschlungen und den Kopf auf die Brust geneigt, um den Schlägen zu entgehen. Sie schrie schon längst nicht mehr, schien ihre Energiereserven zu schonen und sich aufs Ausharren zu konzentrieren. Nach weiteren Schlägen, die den jungen Körper erbeben ließen, hielt Henry inne und betrachtete Maye. Seine Maye, sein Kunstwerk. Er spürte, wie das Wesen sich schwerfällig und ruhig, vollkommen in dem Wissen gehalten, dass keine Eile von Nöten war, erhob und sich auf sie zu bewegte. Kurz hatte er den Eindruck, als sei er sein Ziel, aber es wandte sich ab und kroch direkt auf Maye zu, die mittlerweile nicht mehr kauerte sondern gekrümmt auf dem Boden lag. Das dunkle Wesen streckte ein Glied nach ihr aus, eines der Tentakel, von denen es so viele besaß. Mit quälender Langsamkeit ertastete es Mayes Silhouette, den Körper, der geschunden auf dem Boden lag, und vermittelte Henry ein Gefühl der Zufriedenheit und … der Verbundenheit. Henry lies sich an der nahe liegenden Wand hinab gleiten, so dass er schließlich mit dem Rücken an die Wand angelehnt auf dem Fußboden saß, die Beine von sich gestreckt. Es schien ihm, als habe er erfolgreich einen Marathonlauf bestritten. Er war außer Atem, dankbar dafür, sitzen zu können, kraftlos und erschöpft. Aus dem Augenwinkel betrachtete er die Monstrosität, die Ausgeburt der Hölle, die er beherbergt hatte. Er war von ihr abgestoßen, selbst wenn sie ein Teil von ihm war. Und erst recht, OBWOHL sie ein Teil von ihm war, dachte er. Das große schwarz schattierte Ding begann, Maye mit seinem Tentakel etwas aufzurichten. Auch wenn Henry hätte schwören können, dass das Wesen seine purpurn schillernden Augen immer noch geschlossen hielt, erschien es ihm, als blickte es direkt in ihre Seele. Über irgendeiner Verbindung, die auf mehr als magische Weise zwischen ihnen zu bestehen schien, konnte auch Henry einen Blick erhaschen. Sein Geist war mit dem Entdeckten völlig überfordert und so konnte er es nicht zuordnen.
Allerdings löste dieses Erblicken des Innersten einer menschlichen Seele und deren Verletzungen, die frisch und tief waren, in der Konsequenz etwa in Henry aus, was ihn dazu veranlasste, sich die Mühe zu machen, wieder aufzustehen, seine am Boden liegende Jacke aufzuheben, sie Maye um die Schultern zu legen und den schmalen leichten Körper aufzuheben und an sich zu drücken. Er konnte noch keine Emotionen empfinden, keine Wut oder Trauer über das, was er ihr angetan hatte, dennoch schirmte er Maye von dem dunklen Wesen ab und trug sie in eine etwas entlegenere Kellerecke, in der er im Zwielicht eine alte Matratze oder ein altes Bett vor fand, was vor sicherlich 20 Jahren das letzte Mal benutzt worden war und jetzt teilweise auseinander gebaut staubig sein Dasein fristete. Dort legte er Maye nieder und begann, ihr das Blut aus dem Gesicht zu wischen und ihre Blutergüsse mit seinen Händen zu kühlen. Maye war völlig apathisch, ließ sich anfassen, zeigte aber ansonsten keine Reaktion auf Henrys Bemühungen. Völlig still und reglos ließ sie alles über sich geschehen. Während Henry sich über ihren kleinen Körper beugte, spürte er, wie ihn das dunkle Wesen vom anderen Ende des Raumes mit seinen violetten Augen beobachtete.

Themenwoche „Rund ums Schreiben“, 7. und letzter Punkt: ‚Deine Geschichte in 5 Worten‘

Phew.
Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich zu meinen derzeitigen Projekten diese Aufgabe bewältigen kann, ohne entweder zu spoilern oder im Nichtssagenden zu verschwinden.
Insofern habe ich mich entschieden, diese Aufgabe auszulassen. Mit ‚Zitat eines Charakters‘ ist es eine von zweien ohne vernünftige Antwort, insofern bin ich mit meiner Bewältigung der #LoveWritingChallenge eigentlich ganz zufrieden.

An dieser Stelle verabschiede ich mich und möchte Katie und Kristin für die Idee und die Aufgabenstellungen danken – ich habe einiges über mich und mein Schreiben gelernt!

THEMENWOCHE „RUND UMS SCHREIBEN“, PUNKT 6: ‚DEINE ERSTE GESCHICHTE‘

Katie und Kristin fragen am vorletzten Tag der #LoveWritingChallenge nach meiner ersten Geschichte.

Nun denn.

Ich meine mich zu erinnern, dass sie etwa zweieinhalb DIN A 4-Seiten lang war, getippt auf einer alten Schreibmaschine, und ich nichts anderes schrieb als über mich, wie ich Hausaufgaben machte und nachmittags mit Freunden Detektiv spielen ging. Vielleicht kam auch noch ein Kuscheltier drin vor. 😉
Ich bin mit meinen Tipp-Experimenten immer zu meiner Klassenlehrerin (gleichzeitig auch Deutschlehrerin) gerannt und habe mir bunte Klebesternchen dafür abgeholt, auch wenn oder gerade weil sie nichts mit dem Schulstoff zu tun hatten.

Ich gehe aber stark davon aus, dass dies hier nicht unbedingt die Antwort war, auf die mit der Frage abgezielt ist, also berichte ich von meiner ersten Geschichte, die es wert ist, dass ich mich (wenn auch verschämt) Autor nennen kann.

Meine erste Geschichte war eine, in der ich mit meinem damaligen Freund zusammen einen Wettbewerb gemacht habe, mit bestimmten Vorgaben (siehe unten) unabhängig voneinander eine Mafia-Geschichte zu schreiben.

Die Vorgaben waren

  • Ort: Santa Cruz (Westküste der USA in Californien)
  • Zeit: 1925
  • Bevölkerungsanzahl: 145.000
  • angepeilter Zeitrahmen der Geschichte: maximal 5 Jahre
  • Anzahl der Mafiafamilien:
    13, davon 6 Familien, die eine aktuelle Fehde untereinander haben
  • Personen: maximal 3, die man selbst als Hauptpersonen der Geschichte bezeichnen würde, mindestens eine zumindest aus dem Umfeld einer Mafiafamilie
  • allgemeine Situation:
    Arbeitsmarkt: unsicher
    Lebensbedingungen: Prohibition; Glücksspielverbot; Geld reicht zum Leben grade so aus; Polizei zu 15 – 20% korrupt; Politik spuckt große Töne gegen die organisierte Kriminalität, unternimmt aber nichts

Die Zahl der Mafiafamilien haben wir sehr schnell beide arg gekürzt und uns auf drei bis fünf geeinigt.

Ursprünglich hatte die Geschichte, nachdem ich sie damals für ‚fertig‘ erklärt habe, etwa 70000 Wörter umfasst. Ein paar Jahre später habe ich sie mir noch mal durchgelesen, rudimentär überarbeitet und dabei festgestellt, dass da noch ganz schön viel Platz nach oben ist, insofern ist sie noch nicht / nicht mehr fertig, aber ich habe nicht vor, sie einfach aufzugeben. 🙂

Ihren Titel wird sie vermutlich sogar behalten: Santa Cruz bei Nacht

Santa Cruz

THEMENWOCHE „RUND UMS SCHREIBEN“, PUNKT 5: ‚KURIOSE RECHERCHE‘

Zu dem 5. Punkt der letzten Woche der #LoveWritingChallenge kann ich leider nur etwas zu den Recherchen für meine Diplomarbeit und nicht für ein Romanprojekt berichten. Tatsächlich habe ich weder für ‚Herzschlag‘ noch für ‚Bad Hair Day‘ oder ‚Waldgeflüster‘ und auch nicht für ‚Und es begann zu regnen‘ recherchiert. Außer in meiner Phantasie, in meinen Gedanken, in meinen Träumen.
Das wiederum wäre für die Diplomarbeit aber sicherlich nicht sinnvoll gewesen *lacht*

Mein Thema war „Die wirtschaftliche Bedeutung der Kernkraftwerke in Schleswig-Holstein“, nachdem ich mit Schwerpunkt Volkswirtschaft Verwaltungswissenschaft studiert und zwei Monate Praktikum bei der Reaktoraufsicht absolviert habe. Ich habe mich im Vorfeld und währenddessen intensiv auch mit den diversen Informationen über die wirtschaftliche Bedeutung hinaus auseinander gesetzt und dabei bin ich im Internet auf das EBM-Projekt „Radium226“ mit dem Track „Nuclear Violation“ gestoßen. Ich bin neben Heavy Metal- auch Fan von EBM und sonstiger schwarzvolkiger Musik und ich vermute, dass das Suchmaschinenergebnis deshalb aufploppte. Ich habe während den weiteren Recherchen und dem Schreiben der Diplomarbeit quasi rund um die Uhr diesen Song gehört und mir läuft auch heutzutage (sieben Jahre später) und gerade jetzt noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich den Song wieder höre. Es ist eine Kombination aus Angst und Entsetzen über die damalige Katastrophe in Prypjat, dem entsprechenden Wissen und der morbiden Faszination einer ehemaligen Elektrotechnikstudentin um die Funktionsweise und die immense Kraft dieser Energiegewinnung und den Stand damaliger Kernkraftwerke in Deutschland und weiteren in Europa sowie der Liebe zu aggressiv-tanzbaren Rhythmen, die sich bei mir für immer eingeprägt zu haben scheint.

THEMENWOCHE „RUND UMS SCHREIBEN“, PUNKT 4: ‚PLOTGETRIEBEN VS. CHARAKTERGETRIEBEN‘

Die Hälfte der vierten Woche der #LoveWritingChallenge ist angebrochen und heute geht es darum, ob meine Geschichten eher plot- oder eher charaktergetrieben sind.

Ich glaube, ich habe beides.

Mein Ziel ist es grundsätzlich, eine Story charaktergetrieben aufzubauen, weil das viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Je tiefer man in einen (hoffentlich) gut ausgestalteten Charakter einsteigen und sich mit ihm identifizieren oder ihn ablehnen kann, desto weniger wird der Leser das Buch aus der Hand legen.
Wenn ein Charakter sich entwickelt, weil er ein Ziel verfolgt und dabei Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge erlebt, wird die Geschichte, also der Plot, automatisch vorangetrieben.

Wenn ich jedoch unbedingt eine Geschichte erzählen will, deren Eckpunkte mir im Kopf herumspuken und bei der es (zunächst) egal ist zu sein scheint, wie der Protagonist angelegt ist, fange ich demnach entsprechend mit dem Plotten an und nicht mit den Charakteren.
Im Endeffekt entwickelt sich im Optimalfall auch hier zumindest eine begleitende Charakterentwicklung, aber sie stand nicht bereits zu Beginn im Vordergrund.

Herzschlag‘ ist hierfür tatsächlich eigentlich ein gutes Beispiel. Ich wollte die Geschichte erzählen, brauchte dafür aber die Charaktere, die sie transportierten.
(Hach, ich würde gerade sehr gern mehr darüber erzählen, aber das schaffe ich nicht ohne Spoiler. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr die Story lesen würdet. Und vielleicht erläutere ich später, wenn die Geschichte dann auch komplett mit allen Stückchen hier veröffentlicht ist, Näheres.)

Über die #Autorinnenzeit, das #Nornennetz, Klischees und Vorurteile

Die Aktion der #Autorinnenzeit nicht perfekt zu finden und trotzdem das #Nornennetz zu mögen?
Ich finde, das ist kein Widerspruch.
Der Gedanke hinter der Aktion #Autorinnenzeit ist (u. a.), die Autorinnen aus dem Schatten des ewigen Vorurteils hervorzuheben, nur Liebesromane zu schreiben (Achtung, Klischee). Soweit, so gut. Doch einen Monat lang nur Werke von Autorinnen zu lesen und zu rezensieren und zu kaufen und zu bewerben und… geht mir irgendwie etwas zu weit. Kann jeder machen, wie er möchte, aber wie Kenchi_Ho schrieb:

„Eine viel bessere Aktion wäre daher [wo der Sexismus in der Literatur nicht ausgehebelt wird, sondern wo er lediglich vertauscht wird] ein vertauschen von Genres. Kauft Thriller von Frauen und Romanzen von Männern. Ignoriert die Vorurteile und erweitert euren Horizont.“

Einfach mal die Perspektive wechseln und von beiden (oder noch mehr) Geschlechtern Büchern aus vermeintlich unüblichen Genres lesen.

Ich habe bis zu dem Zeitpunkt nie ernsthaft überlegt, ob Texte, die ich gut fand und finde, nun von einem Autor oder einer Autorin verfasst wurden. Und dann ging ich zu meinen Bücherregalen und stöberte. Klar habe ich Trudi Canavans Bücher, die Fantasy abbilden. Und klar habe ich Harry Potter gelesen, wo J. K. Rowling ja scheinbar auch als „Autor“ verkauft wurde. Und ich habe eine Menge von Markus Heitz und eine Menge von Mercedes Lackey und Dan Brown und Marc Elsberg und Kathy Reichs gelesen.

Zugegebenermaßen insgesamt mehr Fantasy und Krimi und Co. als Liebesromane, aber gut, ist halt nicht mein favorisiertes Genre. Egal ob Autor oder Autorin.

Das Nornennetz soll nun aber nicht pauschal an die Umkehr der Lesegewohnheiten anknüpfen, sondern die deutschsprachigen Autorinnen in dem Fantasygenre vernetzen und eine breite(re) Leserschaft erreichen. Das gefällt mir gut und ich bin gespannt, ob sich da was tut. Schließlich bin ich auch Autorin und schreibe (nicht nur aber) auch Fantasy.

(Quelle Beitragsbild: Nornennetz@nornennetzwerk)